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17.11.2015

„Erziehung zur Aufrichtigkeit durch Comics“: Wie gezeichnete Geschichten die Schüler lehren, die „anderen“ zu respektieren

Menschen einer anderen Nationalität oder Kultur und andere Meinungen zu respektieren, ist in Russland nicht sehr ausgeprägt, insbesondere nicht an den russischen Schulen. Mitschüler, die anders sind, werden oftmals gehänselt und die Lehrer lassen sie stillschweigend gewähren. Wie Comics, die viele immer noch nicht ernst nehmen, und das Projekt „Respect 2.0“ versuchen dieses Problem zu lösen, hat Rita Loginowa erklärt.

„Wenn du versuchst deine Lautsprecher aufzudrehen, polier ich dir die Fresse.“

„Was bedeutet Respekt? Ich frage meinen Nachbarn: ‚Welche Musik gefällt Dir?‘ Er sagt: ‚Ich stehe auf Metal‘ Und ich antworte: ‚Mir gefällt Trance-Musik. Wir beide wohnen ja in einem Aufgang. Was Respekt ist? Ich habe 300-Watt-Lautsprecher und du auch. Solange wir beide sie nicht voll aufdrehen, respektieren wir einander und kommen wunderbar in diesem Aufgang, wo wir auf derselben Etage wohnen, miteinander aus. Versuch doch mal deine Lautsprecher aufzudrehen, dann polier ich dir die Fresse und das war es dann mit dem "Respekt“, erklärt einer der bekanntesten Komikzeichner Russlands Heehoos.

„Respect 2.0“ ist ein gemeinsames Projekt des Goethe-Instituts in Moskau, der Jungen Bürgerrechtsbewegung sowie des von der Europäischen Union geförderten Moskauer Internationalen Comic-Festivals „KomMissia und setzt das erfolgreiche Comic-Projekt „Respect. Internationale Comics“ fort, das im Jahr 2011 von Heehoos, dem Goethe-Institut und „KomMissia“ ins Leben gerufen wurde. Wie aus dem Manifesto von Respect hervorgeht, besteht das Ziel des Projekts darin, mit den Mitteln der Comics mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen und über die Achtung vor und Einstellung gegenüber Menschen mit anderen Ansichten, aber auch unterschiedlicher ethischer, religiöser und sozialer Gruppen zu reden, und zwar in einer verständlichen und für sie interessanten Sprache.
 
 „Wir leben nicht länger in einzelnen Dörfern, Städten oder Ländern, wir leben auf dem Planeten Erde. Unsere Nachbarn und die Leute auf der Straße stammen aus verschiedenen Nationalitäten und Kulturen und haben verschiedene Ansichten, sie denken und sprechen anders, sie glauben, lieben und hassen unterschiedliche Dinge. Keiner will, dass sich die Menschen in seiner kleinen Stadt oder in seinem großen Land gegenseitig umbringen. Aber es passiert manchmal, dass jemand plötzlich eine Waffe in die Hand nimmt und auf seinen Nachbarn richtet, mit dem er noch gestern friedlich Tür an Tür gelebt und den er jeden Tag gegrüßt hat, der die gleichen Wege wie er ging, mit dem er sogar befreundet war, heißt es im Manfifesto. Können wir lernen, mit Menschen zu reden, deren Ansichten wir nicht teilen? Mit denjenigen, deren Meinung oder Lebensweise uns nicht gefällt?Und wenn nicht, was ist dann der Wert menschlichen Lebens? Und was ist das eigentlich, ein moderner Mensch?
 
 Fertige Antworten geben die Künstler und andere Projektteilnehmer auf diese Fragen
nicht, aber durch das Lesen und Zeichnen von Comics legen sie der Gesellschaft und in erster Linie den Teenagern und jungen Leuten nahe, über ein bestimmtes Thema nachzudenken. Ganz praktisch funktioniert das so, dass Ausbilder in Zivilgesellschaftskunde die Comics nehmen und damit an die Schulen gehen.

  „Wir haben kein fertiges Wissen, das man den Schülern einhämmern muss“
 
 „Comics haben im Vergleich zu einem normalen Lehrbuch einen großen Vorzug: es gibt viele visuelle Informationen und sehr wenig Text. Deshalb sind sie so gut zu verstehen“, sagt der Ausbilder in Zivilgesellschaftskunde Boris Romanow, Koordinator von „Respekt“ für den Nordwestlichen Föderalen Bezirk. „Die Schüler sprechen die gleiche Sprache wie die Helden in den Comics.“ Boris Romanow und sein Kollegen geben an den Schulen und Jugendklubs von Sankt- Petersburg nicht nur Unterricht in „Respect“, wo als methodische Hilfsmittel nicht langweilige Lehrmaterialien verwendet werden, sondern Comics, die von vielen in Russland noch nicht ernst genommen werden. Die Comics wagen sich in den Communities der jungen Leute auch an Aufgaben heran, um die sich kein Lehrbuch, keine Unterrichtsstunde oder sonstige Lehrveranstaltung kümmert – gemeint sind Aufgaben der humanistischen Bildung, die in der Schule oft viel zu kurz kommt.

 „Der Schwerpunkt unseres Projekts liegt auf der Entwicklung eines kritischen Denkens bezüglich verschiedener Identitäten und auf der Schaffung eines Raumes für den Dialog, eines Raumes, in dem verschiedene Identitäten barrierefrei miteinander kommunizieren können. Wir bemühen uns darum, die engen Grenzen zu sprengen und uns nicht auf einzelne, voneinander getrennte Räume zu beschränken, also nur auf den Raum der modernen Kunst oder nur auf den Raum der aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen oder nur auf die Schule“, erklärt Romanow. Wir bieten unseren Unterricht an verschiedenen Orten an: in Jugendklubs, Bibliotheken und Galerien – wobei wir die verschiedenen Gruppen bei der Lösung der gemeinsamen Aufgabe, nämlich der Erstellung eines interaktiven Raumes, gern zusammenbringen möchten. Dies soll ein Raum sein, wo verschiedene Identitäten friedlich miteinander leben und ihre Probleme und Konflikte mithilfe von aktiven Lehrmethoden lösen könnten.“
 
 Inzwischen gibt es auf der Webseite  38 gezeichnete Comics von professionellen Künstlern aus Russland und anderen Ländern Europas, von denen einige in der Folge animiert und mit interaktiven Elementen ausgestattet wurden. Herausgekommen sind praktisch Zeichentrickfilme, an denen die Kinder und Jugendlichen mindestens genauso viel Spaß haben wie an den gezeichneten Geschichten. Worum es sich bei diesen Geschichten handelt?

Im Fall von „Ich bin Tschetschene“, „Marschrutka“, „Wie ich bunt wurde“, „Was ist Patriotismus?“, „ Dieb!“ –sprechen die Titel für sich. Im Comic „Steine“ geht es um Obdachlose, „Mäntel“ erzählt von Migranten, „Was wird aus uns“ von Menschen, die im Kinderheim waren.

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„Respekt“ und die Schulen finden auf verschiedene Weise zueinander: Manchmal kommen die Lehrer selbst zum Projekt und laden zu einer Geschichts- oder Gesellschaftskunde oder auch Klassenstunde ein, und manchmal geht die Initiative auch von den Ausbildern in Zivilgesellschaftskunde aus.

 „Die Themen bestimmt die Gruppe selbst. Was die Jugendlichen gerade in dem Moment bewegt, wie ihre persönliche Erfahrung im Umgang mit den verschiedenen, in der Gesellschaft lebenden Identitäten aussieht, wie sie sie selbst erleben, wer und was sie wiederum für diese sind, was sie sie in Bezug auf diese Gruppen empfinden, wie diese miteinander umgehen,“ erzählt Boris Romanow. „An unseren Schulen gibt es keine homogenen Gemeinschaften, wo alle ein und dieselbe Erfahrung haben. Jeder hat einen anderen Background, in den Klassen gibt es viele Mitschüler mit einem Migrationshintergrund. Momentan wird viel über Inklusion in den Schulen diskutiert, man will die Spezialschulen für Menschen mit Behinderungen auflösen und diese in normale Schulen integrieren, aber die normale Schule von heute ist darauf gar nicht vorbereitet.“
 
 Die Stunde beginnt mit einer Vorstellung, die Bänke werden im Kreis aufgestellt, damit die Schüler sich nicht gegenseitig in den Nacken schauen und alle die gleichen Chancen haben, angehört zu werden. Nach dem gemeinsamen Lesen des Comics wird dieser von den jungen Leuten nacherzählt. Anschließend folgt die Besprechung des Problems.

„Wir bemühen uns darum, in der aktiven Arbeit das Wissen zu schaffen, das wir brauchen. Wir haben kein fertiges Wissen, das wir den an ihren Bänken sitzenden Schülern vorkauen, sondern wir verstehen uns als Aufklärer. Wir kommen eben nicht und sagen: ‚Wisst ihr, was Mobbing ist? Dann lasst das sein.‘ Wir lesen gemeinsam Comics und lassen die Teilnehmer dann in einer bestimmten Übung persönliche Erfahrungen machen, stellen anschließend Überlegungen dazu an, tragen Gefühle zusammen: Was habt ihr bei dieser Übung empfunden, wie war das für euch? Dann folgt das Verstehen: Warum haben wir das gemacht, wie ist der Bezug zum realen Leben? Und als Drittes ordnen wir das Ganze in ein Konzept ein: Wisst ihr eigentlich, dass das, worüber wir sprechen, Rassismus oder Mobbing ist?“

 „Die Klasse erkennt, dass es die Norm ist, einen anderen Menschen auszuschließen.

 Nach „Hetzjagd auf einen Mitschüler“ werden auf Nachfrage endlose Beispiele aus den Nachrichten aufgezählt: Transkarpatien, Birmingham, das Moskauer Gebiet, Baschkirien, 2011, 2013, 2015 – es ist offensichtlich, dass das Problem der Diskriminierung an Schulen – Mobbing – in der ganzen Welt brennend aktuell ist, und in Russland nicht minder. Verschlimmert wird es auch durch die sozialen Netze, die ohne Ende solche Hetzjagden veranstalten. Bedrohungen, Spott und Hohn verfolgen einen in diese Mangel geratenen Jugendlichen – vielleicht ist er zu dick oder zu dünn oder zu „unrussisch“ oder zu sehr Hipster oder er hat gesundheitliche Besonderheiten, und das geschieht nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause, am PC.

 „Probleme, die mit der Identität zusammenhängen, können ganz verschieden aussehen. Momentan sehr aktuell ist beispielsweise das Äußere. Aber Jugendliche haben doch das Bedürfnis, sich in verschiedenen Identitäten auszuprobieren. Genau das gleiche Thema sind Subkulturen und Stereotype, die über sie verbreitet werden – nicht nur von den Pädagogen, sondern auch von den Schülern selbst, die anfangen jene zu mobben, deren Aussehen von der üblichen Norm abweicht“, beschreibt Boris Romanow die Situation. Und hier kommen wir dann auf das Thema der Hetzjagd auf ganze Gruppen zu sprechen; das ist sehr wichtig für uns. Es gibt eine Unmenge von solchen Fällen, aber für die Pädagogen ist Mobbing kein Thema; sehr häufig sind sie bürokratischen Zwängen ausgesetzt und achten gar nicht auf eine solche Art von Hetzjagd. Sie haben einfach keine Zeit, sich auch noch mit der Lösung sozialer Konflikte in der Klasse zu beschäftigen."
 
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Als Beispiel für die Arbeit mit den Schülern führt Romanow den Comic „Genau wie die anderen". Der Held ist hier ein grünhaariger Hipster namens Igor, der sich für einen Ausseiter hält. „Alle beurteilen mich nur nach meinem Aüßeren und reden abfällig über mich“, grämt er sich: die alten Damen am Hauseingang halten ihn für einen Drogensüchtigen, Passanten nennen ihn einen „bunten Papagei“, die Lehrer sind der Meinung, dass „aus dem wird nie was“. Selbst aber heftet er Migranten, Blondinen, Hipstern gern Etiketten an, also allen um ihn herum, die er für schlechter als sich selbst hält. Aber als ein kleiner Junge sich über sein Äußeres wundert und sagt, dass Igor vermutlich dumm ist, wenn er sich die Haare so färbt, bittet ihn die Mutter darum, die Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen, wie man ein Buch auch nicht nach seinem Einband beurteilt. Und plötzlich geht Igor ein Licht auf: „Ich bin ja genau wie alle anderen! Ich urteile auch nur nach dem Äußeren..."
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 "Wir lesen diesen Comic und kommen dann ins Gespräch: ‚Hat man euch denn schon mal nur nach eurem Äußeren beurteilt?‘ Natürlich sagen sie dann, dass das schon vorgekommen ist. „Und gibt es denn auch jemanden, dessen Aussehen euch nicht gefällt?” “Ja, der gefällt mir nicht.” Und schon sind wir an dem Punkt, dass das Problem, das im Comic dargestellt wird, ihr eigenes ist. Aber diese Art von bewusstem Begreifen passiert auf einer ganz anderen Ebene. In der Pädagogik nennt man den Vorgang, wenn ein Mensch versteht, dass es hier um ihn geht, Aktualisierung des Wissens“, meint Romanow.

Dabei führt das Thema Mobbing als einer Erscheinung, die überaus ernste Folgen haben und Menschen unter anderem in den Selbstmord treiben kann, nach Meinung von Romanow nicht zu einer öffentlichen Diskussion an den Schulen. Vielleicht wird der Übeltäter zum Schulleiter zitiert und erhält einen Tadel, aber das eigentliche Problem ist nicht derjenige, von dem das Mobbing ausgeht, sondern die Tatsache, dass die Klasse ein Verhalten als Norm anerkennt, welches einen anderen Menschen nur wegen seines Äußeren ausschließt und moralischen und physischen Druck auf diesen ausübt. „Der Grund dafür kann beliebig sein: das Äußere, der soziale Status, eine sprachliche Besonderheit. Weit verbreitet ist auch das Problem des Cyber-Mobbing, vor kurzem gab es einen Fall, der für viel Aufsehen gesorgt hat: Man hat ein Mädchen betrunken gemacht, dann hat sie sich ausgezogen bzw. wurde ausgezogen und man fing an, sich mit ihr zu fotografieren. Diese Fotos landeten dann im Netz und haben weite Kreise gezogen. Natürlich hat man dann den Zeigefinger erhoben und allen Betroffenen vermittelt, dass es doch moralische Grundsätze geben würde. Aber darum geht es gar nicht, sondern es geht vor allem um das Thema Mobbing; niemand beschäftigt sich mit einer solchen Art von gemeinschaftlich veranstalteter Hetzjagd. Obwohl schon massenhaft Artikel darüber geschrieben worden sind und es in den westlichen Schulen bestimmte Praktiken gibt, wie man damit umgehen kann. Bei uns jedoch gibt es keine systematische Arbeit, was das Mobbing an Schulen betrifft.“

Die „Respect“-Stunden sind erste Schritte auf dem Weg zu einem bewussten Umgang mit Diskriminierung an Schulen, selbst wenn es sich hier um eine Form der Bildung handelt, die nicht Teil des Lehrplans ist. Wichtig ist hier, dass die Schüler mit Hilfe der Erwachsenen mit anderen ihre Erlebnisse und Emotionen teilen. Das animiert die Gruppe zur Aufrichtigkeit. „Wir haben beispielsweise den Comic „Der Junge aus Schweden“ gelesen, in dem es um einen Fisch-Jungen geht, den die neuen Mitschüler hänseln. Daraufhin hat uns ein übergewichtiges Mädchen erzählt, dass sie an ihrer vorherigen Schule wegen ihres Äußeren gemobbt worden ist und dass sich selbst ihre beste Freundin auf die Seite derer gestellt hat, die das getan haben. Deshalb musste sie die Schule wechseln“, erinnert sich Boris Romanow. Ihre Mitschüler schlugen dann Varianten vor, wie sie das Problem lösen würden, und das Mädchen hat ihnen geantwortet, was ihr in so einer Situation geholfen hätte und was nicht."

„Wenn Du Punkt, Punkt, Komma, Strich zeichnen kannst, dann kannst Du auch Comiczeichner werden“
 
 „Respect“ beschränkt sich aber bei weitem nicht nur auf die Schulen. So werden verschiedene Aspekte der zweijährigen Projektarbeit im Rahmen der „Toleranzwoche“ in Moskau vorgestellt.

Vom 15. bis 20. November finden im Jüdischen Museum und im Zentrum für Toleranz sowie vom 16. bis 30. November im Kulturzentrum  „Zodchie“ kostenlose Miniausstellungen von gezeichneten und animierten Comics von „Respekt“ statt, aber es wird auch Vorlesungen, Workshops von Comiczeichnern und öffentliche Diskussionen geben zum Thema der "Anderen in der modernen Gesellschaft". Und ab dem 3. Dezember werden alle Comics des Projekts „Respect 2.0“ im Gebäude des Goethe- Instituts in Moskau auf dem Leninski Prospekt 95 a gezeigt. Moderiert wird die Diskussion am 18. Dezember im Jüdischen Museum und im Zentrum für Toleranz von der regionalen Projektkoordinatorin für den Zentralen Föderalen Bezirk Maria Sawina, die erzählt hat, wie die Jugendlichen den Comic-Unterricht aufnehmen.

„Die Schüler verhalten sich in diesen Stunden eigentlich genau wie Erwachsene. Erst kommt es zu einer Art Abwehrreaktion. Denken Sie an sich selbst, als Sie 13 Jahre alt waren: Die Meinung Gleichaltriger ist ihnen sehr wichtig, und so fühlen sie sich am Anfang gar nicht wohl in ihrer Haut“, sagt Maria Sawina. „Dann aber übernimmt einer die Führungsrolle. Wenn ihnen klar ist, dass ein Erwachsener dabei ist, der für einen geschützten Raum sorgt, fangen sie an ihren Standpunkt darzulegen. Und überhaupt äußern sie mitunter sehr erwachsene Gedanken, die einen auch staunen lassen. Meine Kollegen von der Jungen Bürgerrechtsbewegung haben einmal eine Stunde gehalten, auf der einer der Jugendlichen meinte, dass ‚Gleichheit der Traum der Welt‘ wäre. Dieser Gedanke hat mich verblüfft.“
 
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In der Praxis von Maria Sawina und Boris Romanow ist es noch nie vorgekommen, dass der Widerstand der Gruppe gegenüber der neuen Arbeitsmethode und dem Thema, um das es in dem einen oder anderen Comic geht, nicht überwunden werden konnte:

„Wenn die Gruppe von einem Thema sehr betroffen ist oder es gar nicht besprechen möchte, es sogar ablehnt, dann ist das ein Signal für den Pädagogen. Vielleicht handelt es sich um eine Abwehrreaktion oder der Anführer möchte auf diese Weise um die Macht in der Gruppe kämpfen. Oder aber es hängt mit einem Trauma in der Gruppe zusammen: Wahrscheinlich gibt es da jemanden, der gemobbt wird. Dann wird genau mit diesem Thema gearbeitet“, meint Boris Romanow. „Zu einer solchen Situation kommt es in der Regel an Schulen, wo ein autoritärer Leitungsstil üblich ist und wo es auf Gruppenebene gar kein Verständnis für die Grenzen eines anderen Menschen, für die Regeln des Miteinanders gibt. In diesem Fall ist eine ernsthafte, langfristige Arbeit mit einem Psychologen vonnöten. Unsere Möglichkeiten sind aber begrenzt; wir können nicht alle Probleme der Schule lösen, sondern nur darauf verweisen und eine Lösungstechnik anbieten.“

„‘Respect‘ ist auch deshalb interessant“, meint Maria Sawina, „weil wir den Kindern und Jugendlichen nicht erklären, wie man sich richtig zu verhalten hat. Der Sinn dieser Stunden besteht ja genau darin, dass zumindest irgendeiner der Anwesenden anfängt, an etwas zu zweifeln bzw. über etwas nachzudenken: Wenn in einer Klasse mit 20 Schülern mindestens 1–2 zum Denken angeregt werden, dann ist das schon ein Ergebnis." . Wenn die Trainer der Zeit haben, lesen sie die Comics nicht nur mit der Klasse, sondern es wird auch gezeichnet. „Es gibt so eine Methodik, wo die Kinder in sechs Bildern ihre Geschichte mit ihren eigenen Helden zeichnen können; als Helden wählen sie sich selbst oder aber enge Freunde aus. Wenn sie wollen, können sie die Geschichte dann den anderen vorstellen. Es kommt vor, dass die Kinder es ablehnen zu zeichnen, weil sie es „nicht können“, aber man kann auf jeden Fall versuchen sie zu überzeugen, doch etwas Neues auszuprobieren. Ich zitiere immer gern einen Satz, den einer unserer Künstler namens Piterski Punk (St. Petersburger Punk) einmal gesagt hat: ‚Wenn Du Punkt, Punkt, Komma, Strich zeichnen kannst, dann kannst Du auch Comiczeichner werden.‘ Du erklärst ihnen, dass die Technik nicht so wichtig ist, sondern die Geschichte selbst und die damit bei ihnen verbundenen Gefühle.“

„Wenn ein Kind keine zwei Worte zusammenhängend sagen kann, sind die Lehrer oftmals der Meinung, dass das Problem bei den Comics liegt“

Visualisierung – und Comics sind ein Teil dieser Technik – sei keine neue Bildungsmethode für die russische Schule, vielmehr entspräche sie dem heutigen Trend, wie Boris Romanow meint, aber viele Pädagogen, die noch von der sowjetischen Zeit geprägt sind, hätten es nicht besonders eilig, Comics in ihren Unterricht mitaufzunehmen. „Bei ‚Respect‘ geht es nicht nur um eine Technologie, sondern auch um Werte in der Bildung, über die die Pädagogen leider nicht sehr oft nachdenken“, fügt Boris hinzu. „Über welche Werte reden wir denn schon heutzutage? Und dann passiert es, dass der Bildungsprozess uneffektiv ist, zur Routine wird und die Teilnehmer gar nicht erreicht. Sie sitzen einfach ihre Zeit ab und gehen dann weiter.“

Wenn die Schüler die Comics annehmen, dann kritisieren mitunter die Pädagogen die für sie neue Methode. „Sie sehen das als ein Problem für das verstehende Lesen an, betrachten das als funktionelles Analphabetentum: Wenn ein Kind keine zwei Worte zusammenhängend sagen kann, sind sie der Meinung, dass das Problem bei den Comics liegt: Angeblich würden Menschen, die auf visuelle Informationen fixiert sind, nicht gern Bücher und Lehrbücher lesen und schwierige Texte und die Theorie nicht verstehen“, führt Boris Romanow als Beispiel für Kritiken seitens der Lehrer an.  „Aber ein Mensch hat einen sogenannten „Bereich der nächstfolgenden Entwicklung“ und er wird nie sofort Puschkin lesen und verstehen, wenn Puschkin für ihn in diesem Moment gar kein Thema ist.“
 
 Und nicht alle Pädagogen sind bereit sich zu verändern, ihre Ansichten sind angestaubt, ihnen fällt es schwer, die Comics nicht nur als Methode anzusehen, sondern sie auch als eine moderne Kunst zu betrachten.
 
„Wenn sie ihr ganzes Leben lang Bilder von Wasnezow angeschaut haben, dann fällt es ihnen schwer, etwas Gezeichnetes wie den „Jungen aus Schweden“ zu akzeptieren: „Irgendein Mutant“, sagen sie dann. Außerdem haben Pädagogen bestimmte Ansprüche, sie legen Wert auf Disziplin, wollen asozialem Verhalten vorbeugen, damit sich die Kinder nicht prügeln, verstehen oft aber nicht die Aufgaben der Bildung von heute, bei der es weniger um Disziplin als um die Atmosphäre in der Gruppe und die Erarbeitung eines klaren Rahmens für Übungen und Reflexionen geht“, meint Boris Romanow.

„Respect“ organisiert auch die Ausbildung in der Arbeit mit Comics, sowohl für Lehrer als auch für Sozialarbeiter, Pädagogen von Jugendklubs, Bibliothekaren und all jener, die etwas Neues lernen möchten. „Wer unsere Ausbildung absolviert, kann sich besser damit identifizieren und beginnt Comics in der eigenen Arbeit zu Aufklärungszwecken einzusetzen“, sagt der Trainer. Ein interessantes Projekt ist in Sankt Petersburg ins Leben gerufen worden. Die Bibliothek im Moskwoski Stadtbezirk veranstaltet mit unseren Comics die „Akademie der Toleranz“. Und das war ja auch eine unserer Aufgaben – die Menschen soweit zu motivieren, dass nach der Ausbildung ihr Wissen nicht passiv bleibt, sondern praktische Anwendung findet.“

Maria Sawina, die Kollegin von Boris Romanow, ist davon überzeugt, dass die traditionelle Schule den Kindern zweifellos wichtige Werte gegenseitiger Achtung und Toleranz gegenüber Menschen mit einem anderen Äußeren, einer anderen Hautfarbe, einer anderen Kultur vermittelt, aber mit Hilfe der Comics könne dies noch wirksamer geschehen:

 „Ich will die Kollegen hier nicht anschwärzen, aber wenn so ein Projekt wie das unsrige initiiert wurde, bedeutet das, dass es da ein entsprechendes Bedürfnis gibt, dass man neue Herangehensweisen, neue Methoden finden muss.“

Noch viel emotionaler drückt Heehoos in seiner ganz eigenen Art die Mission von „Respect“ aus:

 „Entweder wir alle lernen es, uns gegenseitig zu achten, oder wir werden uns gegenseitig erschlagen. Schaut euch doch nur all diese Faschisten an, die herumrennen und schreien, diese oder jene Schwarzen oder Weißen oder Blauen sollen wieder zurück nach Hause fahren… Keiner wird in Zukunft mehr irgendwohin fahren. Unser Haus ist die Erde.


Erste Erscheinung: mel.fm
Text: Margarita Loginowa
Übersetzung: Christine Rädisch
Copyright: Goethe-Institut Russland
Dezember 2015
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